Projektraumarbeit August bis Mitte September 1999

TAGEBUCH:

08.06.1999 Irina
Llucia ist seit 2 Wochen in der Rosa Luxemburg Str. 3. Bis zum ersten öffentlichen Termin sind es noch 4 Tage. Ich bemerke ein Dokumentationsdefizit: fehlende Fotos von Bernhard, der seine Comic.strips an die Wände sprühen wird, von Ben, der die ganze Aktion sponsort, überhaupt von der Sprayer-Truppe, die hier in den Räumen Federball spielten; und von unseren Gesprächsrunden den ersten Treffen wegen der Vereinsgründung. Es ist wichtig dies mehr nach außen zu holen, sich all diesen Aufbauversuchen, Umwerfungen , der Konzentration und der immer auch wieder dekonstruktiven Momente bewußt zu werden. - sie nicht nur geschehen zu lassen ! Im folgenden muß ein Fotoapperat ständig dabei sein. Ben würde gern z.B. jeden 2.Monat an einem Tag im Keller einen „Vereins-Abend“ veranstalten, d.h. er hat Kontakte zu den, so er:“ besten DJ´s dieser Stadt“ und die Musikanlage; und findet den Keller dazu ziemlich klasse. Aber wer weiß, ob wir diesen tatsächlich nutzen können; herausfinden!

09.06.1999 Irina
Llucia: “alles hat seine Bedeutung, die gelbe Farbe an der Wand, die graue an der Decke, plötzlich wird alles ganz neutral.“
Dieser Übergang, das wachsen in diese Wahrnehmung des Raumes scheint mir das richtige Tempo. So werden wir dem Raum gerecht, bevor er allzu schnell geglättet und neues hineingestellt wird.
Abend: Matze und Roland bauen die Theke. Llucia sprüht. Die Arbeit der beiden wirkt in den Räumen wie inszeniert.

12.06.1999 Irina
Gespräch mit Bernhard am Abend . Einige Worte habe ich mitgeschrieben: “ ... Selbsterforschen! Es ist selbstverständlich für mich, daß ich mich kreativ betätige. Ich arbeite in der Situation. Und wenn die Situation es zuläßt, soll sie es erklären. Ich laß mich leiten. Beim Sprayen dokumentierst Du ein Gefühl. Zufälligkeiten werden eingebaut, ... eigenständig ... eine Gestik, die etwas bestimmtes ausdrückt. Jeder Sprayer findet sein eigenes System! einfach aus dem Bauch heraus; nach dem System handelnd. Entweder da ist ein positiver oder negativer Mittelpunkt, ...“

04.07.1999 Irina
Nach Kontakten in der Hochschule in Hamburg und in Netzeband bei Jens, hat sich für mich nochmals verdeutlicht, wie wesentlich die Arbeit einer Gruppe ist. Daß sich Menschen finden, die gemeinsam um einer Idee-Willen forschen, suchen. Ihre Arbeit potenziert sich. Wir nehmen uns in unserer Gruppe zur Zeit gegenseitig unsere Kraft. Die eigentliche Idee dringt nicht durch, , daher wird sie gebrochen und wirkt nach außen unkonzentreiert und schadet wieder der eigentlichen Idee. Ich hoffe sehr, daß wir dies innerhalb der Gruppe erkennen werden, nach Lösungen suchen und uns wieder der Idee zuwenden können. Sonst bleiben wir in der Beziehungsauseinandersetzung hängen.
Für den August schlug Björn vor im Projektraum, den „Projektraum“ lebendig werden zu lassen
- wir werden mit der Arbeit an diesem Projekt in den gesamten Raum gehen und versuchen die Türen regelmäßig zu öffnen. Weitere Idee, die Arbeit im Raum in den Zeitungen anzukündigen!

14.07.1999 Roland
In Frankreich, Academie Galan, den Projektraum aus der Distanz sehen könne. Vieles wird plötzlich deutlich. Vor allem das diese Arbeit tatsächlich voll und ganz meine künstlerische ist. Dazu habe ich vor allem die Rückkopplung in meiner eigenen Biografie gefunden, der künstlerische Werdegang der fast zwangsläufig, zumindest aber geradlinig und konsequent in der Arbeit am Projektraum mündet.
Nun ist mir die Arbeit natürlich wichtiger als je zuvor, gleichzeitig aber kann ich sie mit einer viel größeren Ruhe und Gelassenheit tun, wodurch sie vor allem um Klassen effektiver wird.
Nun muß sich als nächstes diese effektivität auf die Gruppe übertragen. Nach anfänglich übergroßem Bedenken beobachte ich nun wie die Dinge sich entwickeln, nämlich ganz anders als
ich es mir vorgestellt habe. Diejenigen von denen ich dies erwartet habe sagen das, und umgekehrt, also auch hier entwickeln sich die Konstellationen in der Zeit. Denoch werden wir uns extrem konsolidieren müssen und „eng an der Brust spielen“ müssen, wie es in Bonn, zukünftig Berlin heißt.
Wichtig dazu ist vor allem Inhaltliche Arbeit, wir müssen uns nun endlich regelmäßig treffen und konzentriert an den Inhalten arbeiten. Dazu kann auch Textarbeit hilfreich sein: Michel Foucoult, oder Michel Montaigné, wie sie im Kunstforum Bd.143 Lebenskunst als Real Life behandelt werden.
Mit Rolf Thiele habe ich in Frankreich den Grundstein für eine Kooperation Academié Galan - Projektraum Berlin gelegt. 1.Schritt: Ende Oktober/Anfang November wird die Studienwoche bei uns stattfinden. Die Studenten aus Bremen werden hierherkommen, Studenten aus Braunschweig, Berlin, Hamburg, Ottersberg sollten wir dazu einladen. 2.Schritt: Nächstes Jahr veranstalten wir gemeinsam ein Seminar in 2Teilen. 1. Teil im Sommer in Galan, 2.Teil im Herbst in Berlin. Thema wird die Distanz, Stadt/Land, 1.Natur/2.Natur etc. sein. Darüberhinaus werden wir gegenseitig für uns werben und uns informieren etc.
Gerade kam Aktionskünstler Nr. 6 hier herein geschneit. Er möchte eine Fotodokumentation seiner Arbeiten bei uns zeigen. Statt die Gelegenheit zu nutzen und im Endlich zu sagen was ich wirklich über seine Arbeit denke, habe ich seinem Ansinnen eine freundliche Absage erteilt und ihm dann aber von unser Arbeit hier erzählt und ihm nahegelegt sich wenn dann eine Form zu überlegen wie er hier vor Ort eine Inhaltliche Auseinandersetzung mit interessierten Menschen über seine zu vermitelnden Anliegen in seiner Arbeit anbieten könnte. Leider wird er das wohl nicht tun (können).

16.07.1999 Roland
Eine wunderbare Arbeitsstimmung im Projektraum. Hanna, Uli und Oscar schwirren ab und zu rein, erledigen irgendwelche Sachen und ziehen wieder weiter. Die heiße Phase des Projektraum-Kunst-Essens beginnt, Tische müßen gebaut werden, Besteck und die Video Ausrüstung müßen organisiert werden etc. pp.
Die Satzung ist nun Fertig geschrieben und zur Prüfung ans Finanzamt abgeschickt, der Brief an Adrienne Goehler mit Konkreten Zusammenarbeits-Konzept ist ebenso abgeschickt. Ab und zu ruft Matze an. Er hat vor der Fachhochschulkonferenz in Ottersberg ein Flammendes Plädoier für den Projektraum gehalten und wohl tosenden Beifall erhalten. Nun müßen soviel wohlwollen nur noch Taten folgen!
Hanna hat diesmal die Presse erreicht, im Tip stehen wir wohl sogar als Kunst-Highlight mit Bild! Jetzt geht‘s los!

17.07.1999 Roland
Arbeitsatmosphäre im Projektraum. Uli und Oscar bauen die Tische für das Essen zusammen, Hanna und ich arbeiten dies und das am Computer, unter anderem erfolgreich im Internet nach Berliner Fernseh- und Rundfunkanstalten recherchiert.
Sandy aus der Thiele Klasse kommt vorbei und schaut sich alles an, berichtet aus Bremen, interessante Gespräche, der Projektraum als künstlerische Arbeit stößt bei ihr durch eigene Erfahrungen auf viel verständnis.
Außerdem kommt Björn vorbei!!! Er hat große Lust wieder voll dabeizusein und wird kommende Woche auch das Atelier beziehen und dort arbeiten. Mit ihm kommt auch Rosi, eine ehemalige Bahnhof‘s Bewohnerin, derzeit in Bayern ansässig. Beim Erzählen was wir hier machen und vorhaben merk ich erst das wir vor einem ganz heißen Herbst stehen. Thiele kommt, drei Gruppen aus Hamburg haben interesse angemeldet, außerdem Gruppen aus Braunschweig, Ole H. hat eine Austellung vor Henrik aus Bremen hat etwas vor, Uli macht ihre Ausstellung für Fische, ich will eine Installation machen, Björn hat ein Vorhaben.... Wir müßen bald in die konkrete Planung gehen.

18.07.1999 Roland
Gestern Abend kommt Andreas (Waller-Klasse) mit seiner Freundin, beide derzeit in Kopenhagen studierend, in den Projektraum. Andreas ist am Studienprojekt mit Annette Weißer und Ingo Vetter an der HfK-Bremen beteiligt. Die Gruppe hat ein Angebot der GAK (Gesellschaft für aktuelle Kunst - Bremen) bekommen dort im Jan./Febr. auszustellen. Ich schlage vor die Ausstellung vorher oder nachher auch im Projektraum zu zeigen. Es wäre wunderbar! Annette Weißer und Ingo Vetter machen eine Kunst mit höchst aktuellen gesellschaftskritischen Bezügen. Über das verschwinden des öffentlichen Raumes bzw seiner grassierenden kommerzialiesierung und Privatiesierung. Über aktuelle urbane Entwicklungen, zu denen ja auch unsere absehbare Vertreibung aus dem immer teurer und schicker werdenden Viertel, Berlin-Mitte gehört. > s.a. Kunstforum 144 - Interview mit Annette Weißer und Ingo Vetter.

23.07.1999 Roland
Morgen Abend ist unser Kunst-Essen. Die Stimmung ist ziemlich angespannt, wir alle sind geschafft und es gibt viel zu tun, gleichzeitig kann man das meiste, nämlich das Essen, erst morgen fertig machen. Wieviele Menschen kommen werden wissen wir nicht, aber es kommen einige, vorallem auch welche vom Radio usw.

27.07.1999 Irina
Heute Abend werden wir uns zur ersten Lesung treffen; d.h. Texte zusammen lesen, die unsere Auseinandersetzung im Projektraum betreffen oder umkreisen. Nach dem Essen hatten wir uns zusammen gesetzt und nochmals unsere Ziele, Wünsche, unser Unwohlsein und Ansprüche in den Raum gestellt. Eine Intensive Reibung aneinander, die mich jetzt wieder trägt! - der gegenseitige Wille aneinander. Es haben sich nochmals Schlagworter herausgestellt: Begegnung, Kommunikation, virtueller Raum, Zusammenarbeit . Wir werden uns jetzt Montags treffen, uns immer wieder an der Sprache üben müssen und sicherlich auch an der ständigen Wiederholung, die mit jedem Menschen auftritt, der neu in diesen Raum kommt.
Formulierungen unseres Treffens:
Björn: möchte für sich im Atelier arbeiten, mit allen zusammen/Gästen - eine Zusammenarbeit entstehen lassen
Roland:betont das Verständnis vom Projektraum als künstlerische Arbeit, in der es nicht um ein Ausprobieren, sondern um die Umsetzung geht; um die Tat. Einen Raum kreieren, der ein virtueller ist, eine Skulptur. Eine Skulptur in die Material, wie die damit verbundenen Leute, hereinkommen. Man kann nicht sagen was das Ziel ist.
Hanna: betont die Unabhängigkeit gegenüber z.B. der von ihr erlebten unbeweglichen Akademie Berlin. Der Ausstellungsraum ist am unwichtigsten. Der Arbeitsraum, die Öffnung nach außen ist wichtig. Ein Freiraum, in dem unterschiedlichste Arbeitsweisen, Ausdrücke nebeneinander sind.
Irina: betont die Arbeit an der Kommunikation und Begegnung. Für diese müssen wir Zeit und Konzentration aufbringen;- ich glaube nicht, daß diese von selbst da ist!

28.07.1999 Irina
Wir haben gestern Abend den Text „Real Life“ von Paolo Bianchi aus dem Kunstforum Nr. 143 gelesen und im Anschluß Begriffe herausgegriffen, welche auf unseren Raum zutreffen.
Haftbarkeit, Verantwortung, die eigene Bewußtwerdung einsetzen, Ehrlichkeit. Wir sprachen insbesondere über die Ehrlichkeit auch unter uns, ihr gerecht zu werden- nicht aus einem Perfektionsanspruch, der das Leben herauswringt, sondern aus einem Bewußtsein heraus, daß jede kleinste Bewegung seine Bedeutung und Wirksamkeit hat. Dies bedeutet auch eine Annahme der eigenen Widersprüchlichkeit und den Mut diese Ehrlichkeit zu riskieren.
Begegnung;
Björn betonte die Erfahrung der Eigenwirklichkeit durch Begegnung.
Roland betonte den vorhandenen eigenen Standpunkt um Begegnung möglich zu machen: zwei Gegenüberstehende, die ein neues Erschaffen.

04.08.1999 Roland
Gestern Abend traffen wir uns erneut. Diesmal nur Hanna, Björn und ich.Leider kamen wir nicht dazu weiter an den Texten zu lesen, denoch sind wir wieder einen großen Schritt weiter gekommen.
Zunächst haben wir die Finanzen besprochen und Schlachtpläne entworfen.
1. Die Gründung des gem.Vereins ist von größter Dringlichkeit.
2. Mittelfristige Gelder:
- Kunstfond (Bundesebene), für nächstes Jahr bis September beantragen,also noch diesen Monat fertigmachen. Institutionsförderung möglich.
- Stiftung deutscher Klassenlotterie, konkrtes Projekt für nächstes Jahr auch etwa bis September beantragen.
- Siemens, bis Dezember konkretes Projekt für nächstes Jahr beantragen.
- NgBK, Anfragen, Beraten lassen.
- Kulturamt Mitte (Bezirksebene), hat nächstes Jahr wieder Gelder zu vergeben, nach Modalitäten erkundigen.
- Senatsstipendien (Landesebene), müssen bis Februar beantragt werden. Institutionsförderung möglich.
- Förderband -> Björn.
- Europa: Cultural Contact Point, drei weitere Länder zu kooperation benötigt, ist aber gar nicht so undenkbar. Frankreich: Thiele, Schweden und Holland: Hanna will Kontakte herstellen. Lettland: Ilze Orinska c/o Roland....
- Partner für Berlin, fördern konkrete Projekte die der Projektraum woanders veranstaltet (vielleicht Unabomber-Projekt?)
3. Kurzfristige Gelder:
- Private Förderer finden, Hanna und Björn sind dran.
- Atelierplätze vermieten.
Georg Stenau kommz am Mo. 16.08. 20h und stellt sich vor.
Oliver überlegt ->Björn kümmert sich drum.
Ole‘s Freund -> Ole fragen.
Aushänge machen (Hanna), ZweiteHand (Björn)
- Club machen, mal Probeweise, Musik nur im Kleinen Raum.
Aufgaben Verteilung:
- Roland: Kunstfond Unterlagen
neue Adressen recherchieren
FH Ottersberg
HfK Bremen wg. Thiele Woche
Cassandra wg. Sponsoring
Internetseite trocken fertig machen um sie dann nur noch ins Netz zu setzen, Kontakt
zu Jörg
- Hanna: NgBK
Prof. Vedder, Visuelle Komunikation, HdK Berlin
HdK Kontakte Professoren, Hochschulpräsident
Jet-Foto wg. Sponsoring
PPS wg. Sponsoring
- Björn: Förderband
GLS/Treuhand
Heitjer Reetz
Private Förderer
- Irina: HBK Braunschweig

Matze fragen wg. Sponsoring Brillenladen.
HfBK Hamburg, reaktion auf Brief noch abwarten.

Natürlich haben wir auch Inhaltlich geredet und das war sehr spannend, zumal Tilo Dries aus der Sieverding Klasse mit Heiko Wennesz von der Kunsthochschule in Halle dazukamen. ...

Hanna
Die Begegnung mit Tilo und Heiko war sehr gut. Die Offenheit, die sie Ihrer Arbeit entgegenbringen, als einen steten Prozeß, mit dem sie leben und arbeiten und die Offenheit uns gegenüber als Prozeß Projektraum scheint mir ein sehr guter Ausgangspunkt für ihre Arbeit hier zu sein. Ihre Idee, einen „Büroraum“ entstehen zu lassen, mit allen Fragen nach Form und Äußerung eines solchen „Kommunikationsmittels“, oder dessen Reduzierung auf nur ein Detail, wie den Tisch als Form finde ich spannend. Oder wie Heiko gesagt hat, er brauche die Form als Ort für die Gedanken (oder beweglichen Prozesse). Es geht darum einen Ort der Arbeit zu entwickeln, der Kommunikation, und der könnte eben hier sein. Wir haben sie eingeladen ab Mitte August einfach zu uns zu kommen, wenn wir hier auch arbeiten. Heiko wird wohl auch in Berlin sein, Tilo eher nicht.
Johannes hatte am Abend noch angerufen, um uns mitzuteilen, daß der Pressetermin am Donnerstag schon um 17:00 stattfinden wird. Außerdem fand er nach genauem Lesen unseres Konzeptes, daß wir mit einem Raum in München in Kontakt treten sollten ( Name?), sein Gefühl war, es ist nicht das gleiche, aber es paßt, der Austausch könnte sehr spannend sein. Genaueres wollte er noch mitteilen.

Fortsetzung Roland
... Die beiden sind in Ihrer Arbeit gerade an einem sehr ähnlichen Punkt wie wir, und in unserer und Ihrer Beschreibung ihrer derzeiteigen Arbeit entdeckten wir immer mehr Paralellen. Unsere Idee ab Mitte August bis Mitte September im Projektraum gemeinsam und jeder für sich an der Idee „Projektraum“ künstlerisch zu arbeiten, die Recherche nach Inhalten und die entstehenden Spuren und anfallenden Zeichen auf der Suche nach der Ausformulierung dieser Idee, gleichzeitig auszustellen, liegt Ihren Ideen zu arbeiten so nahe, daß wir sie baten, doch einfach dazu zukommen, um ihre bisherigen Erfahrungen hier einzubringen und unsere Arbeit durch ihre Individuelle Herangehensweise zu bereichern. Endlich sind da Menschen die diese Idee spontan verstehen, ein ungeheuer ermutigendes Zeichen.

Zu Hannas Eintrag: Meiner Meinung nach geht es nicht um Ihre Arbeit bei uns, sondern darum, daß die beiden sich mit ihren Fähigkeiten in unsere Arbeit hineinstellen. Wir haben gestern eigentlich sehr viel mehr über unsere gemeinsame statt über Ihre und unsere Arbeit gesprochen. Dazu kommt, daß die Idee mit dem Büroraum nicht von ihnen kam, sondern von uns repektive mir. Der Gedankengang als ganzer war der, daß wir unseren derzeitigen „Office“-Bereich, in dem immer wieder die
eigentliche Projektraum-Arbeit lebt, nämlich Recherche nach Inhalten, Gepräche mit Besuchern über unsere Arbeit hier und nicht zuletzt auch dieses Tagebuch, daß wir also diesen „Office“-Bereich auf den ganzen Projektraum ausdehnen, sozusagen als Großraumbüro, in Wahrheit aber als Werkstatt, also Atelier. Ein wirkliches „work in progress“, das gleichzeitig Ausstellung ist, denn nicht Ergebnisse wollen wir zeigen, schon gar nicht gestaltete im Sinne eines schönen Dings, also Oberflächen Ästhetik, sondern den tatsächlichen ästhetischen Prozeß wollen wir zeigen, sozusagen 1:1. Lebenskunst als Real Life. Diese Ausstellung sollte in Ihrer Ankündigung den Zusatz 1. Teil tragen, den im Maße unserer Konkretisierung der Idee, die in der Zeit und mit Hilfe all derer die hier daran arbeiten werden stattfindet, sollten und können wir solche Ausstellungen wiederholen und Intensivieren.

Hanna 06.08.1999
Es scheint wirklich Teil des Prozesses zu sein, daß ich mich mit Dir Roland streiten muß, daß Du mich andauernd wie absichtlich mißverstehst und in eine Schublade hineininterpretierst.
Die Idee mit dem Büroraum war der Ausgangspunkt der beiden für die Austellung mit der Sieverding Klasse. Und das paßt eben zu der Ausgangssituation hier. Das ist der Begegnungspunkt.
Zum weiteren Konzept der folgenden Arbeit im Projektraum: genau: es geht nicht um gestaltete Ergebnisse im schönen Ding, im Sinne einer Öberflächen Ästhetik, es geht um die Arbeit am Prozeß und vielleicht auch um Offenheit gegenüber der jeweils sich unterschiedlich äußernden Gestaltungskraft der Einzelnen.
Superspannend finde ich in diesem Zusammenhang im Moment die Begegnung mit Johannes (gestern war die Aktion für die Pressefotografen).
Johannes arbeitet seit Jahren an bestimmmten Themen, wie „Fountain“, die er in immer neuer Art bearbeitet und ausdrückt, sodaß die Arbeit daran der sehr viel wesentlichere Teil ist, als das im Prinzip immer gleiche Ergebnis, nämlich das Verspritzen, Explodieren lassen, oder Versprudeln (das ist nur ein Beispiel von vielen). Ich habe ihn eingeladen, bei uns zu performen, sowieso, und eventuell auch einen Atelierplatz zu nutzen. Es wäre auch sehr schön, ihn während unserer offenen Werkstattore hier zu haben, es bietet sich sowieso an, wie ich finde, da wir im August an den Aktionen „cover your tracks“ mit ihm arbeiten werden. Vielleicht könnte eine Performance -Aktion schon im August stattfinden.

22.08.1999 Roland
Nachdem wir uns alle kurz vom heißen hektischen Berlin ein wenig erholt haben, Hanna mit Anna in Polen, Irina und ich beim Wandern im Schwarzwald, Björn bei seiner Schwester und in Ottersberg, nur Uli hat in Franken durgestreßt und ist nun umso mehr erholungsbedürftig und nachdem die beunruhigende Sonnenfinsternis vorüber gezogen ist, starten wir hier nun mit neuen Energien.
Zunächst haben wir die Räume nun endlich ganz geweißt und renoviert. In dieser klaren Atmosphäre wollen wir nun unsere Projektraum Wochen starten. Der Projektraum öffnet seine Tore! Gemeinsam wollen wir Inhaltlich und künstlerisch am Ästhetischen Projekt Projektraum arbeiten. Im kleinen Raum steht nichts als ein runder Tisch mit roten Stühlen an dem wir uns nun oft treffen, reden, entwerfen und gemeinsam lesen werden. Im großen Raum läuft die bisherige chronologie als Dia-Serie nach außen im Schaufenster. Ein riesen Tisch - noch leer - und die ebenso noch leeren weißen Wände sind die kristalisationspunkte an den sich die Ergebnisse unserer Arbeit wie Patina Niederschlagen werden.

24.08.1999 Irina
Ich sitze im kleinen Raum am runden Tisch. Die Stühle stehen nach hinten im Halbkreis um den Tisch herum. Ich sitze im Profil zum Fenster. Das Deckenlicht ist angeschaltet. Diesen Moment von Inzenierung, schreibend im Schaufenster zu sitzen, glaube ich, mit Licht noch weiter verstärken zu können; zugleich weiter zu sitzen und zu schreiben ( - alltäglich, jedoch in einem bestimmten Zusammenhang und über diesen Zusammenhang). Verstärken, so daß vorbeigehende Menschen diesen Raum nicht nur als leer und/oder beliebig wahrnehmen, sondern als Schaufenster erleben. Ein Schaufenster indem jedoch keine Ware ausliegt sondern alltägliche Begebenheiten und all-menschliches getan wird. Natürlich ist es eine Frage, in wie weit man dies im hellen Licht weiter tun kann. Das Fensterbild wird wiederrum für mich von gehenden und fahrenden Menschen durchschnitten. Meine Aufmerksamkeit beginnt übers Innen nach Außen sowie übers Außen nach Innen ein Spiel zu führen. Uli hat die Idee, eine von diesen in der Stadt verstreuten, an Kreuzungen aufgestellten Bänken vor die Fenster direkt an die Straße zu stellen. Eine Sitzmöglichkeit um das Innere zu verfolgen. So wie wir auch, z.B ich jetzt, sitzend das Außen verfolgen. Wie stark rückt dieses Spiel unser Tun in die Nähe einer Talkshow und würde es damit aus der Möglichkeit von Begegnung kippen? Wie können wir Begegnung halten/aufbauen? Ich möchte dies mit Übersteigerungen weiter aufspüren.
Übersteigerungen des Lichtes:
Björn:“Wenn die Inszenierung nur noch für draußen vorhanden ist, stimmt etwas nicht mehr.“ Roland:“Man muß Distanz schaffen. Wenn wir durch Distanz und Überhöhung von Inszenierungsmitteln eine Situation schaffen, die uns aus der Normaltiät heraushebt, wird für uns die Situation deutlicher. Deutlicher daß wir nicht nur am plaudern sind. Es kann die Gespräche bereichern.“
Ich möchte an Übersteigerungen herangehen, unsere Gespräche in grelles bis buntes Licht tauchen, mit einer Aufmerksamkeit unserem eigenen Verhalten gegenüber.

25.08.1999 Irina
Zu den Sätzen aus der Zeit („Nicht einmal die Kunst blieb verschont von diesem Haupttrend der neunziger Jahre. Sie zog das sozialutopistische Gedankengut der siebziger Jahre wieder aus der Lade, um es in der trivialisierten Form des „Kuratoren-Diskurses“ kurzerhand selbst zur Kunst zu erklären.“) Natürlich finden wir uns in diesen Sätzen wieder. Unsere Auseinandersetzung kann sich allein dem „kurzerhand“ stellen, um uns aus der Trivialisierung zu heben. Es ist keine Willkür, sondern eine Konsequenz weiter, mit dem Hintergrund der siebziger Jahre zu arbeiten. Sie nicht mehr in der Zukunft liegen zu sehen - sondern sich in jedem Augenblick bewußt zu sein, daß wir in der Möglichkeit des Handelns stehen. Und jede Begenung mit Künstlern, Passanten, ... ein direkter Einstieg in eine Auseinandersetzung, in Kunst, ist. Jede Begegnung , wenn sie zustande kommt ruft : Jetzt. Jetzt, Jetzt, jedoch das tatsächliche Ergreifen kann über das „kurzerhand“ stolpern.

29.8.1999 Hanna
Angesichts einer Begegnung, eines einzigen wahren Momentes in dieser Auseinandersetzung kann es kein „kurzerhand“ mehr geben. Überhaupt steht das „Ergreifen“ dem „kurzerhand“ entgegen.

01.09.1999 Irina
Du hast recht Hanna. Ich habe mit dem Begriff Begegnung schon weiter gewiesen. Dem Ergreifen steht das kurzerhand entgegen, das sehe ich auch so, aber tatsächlich ist für mich beides immer noch in jedem Augenblick nebeneinander möglich. Vielleicht werde ich irgendwann eine Kraft entwickeln können, die dem kurzerhand stärker entgegen stehen kann.
Zum gestrigen Abend: Ich bin heute morgen wie betäubt. Wir sind an den finanziellen Punkt gekommen uns zu fragen, ob wir diese Räume noch halten können. Wir mußten erkennen, daß wir bis Mitte September Mieter für den Atelierraum, die Küche sowie den Gastraum und den kleinen vorderen Raum finden müssen, die die Miete in Höhe von 1500,- übernehmen und wir so den Rest mit dem großen Raum halten könnten.

31.8 1999 Hanna
Inmitten der ganzen Krise kleine Hoffnungsschimmer. Christiane würde dem Projektraum etwas leihen können, vielleicht ist auch die Treuhand eine Möglichkeit die Kaution aufzutreiben.
Im Infoheft des Künstlerhauses Berlin (Verein, derwohl nicht zum Kulturfonds gehört) stand folgendes:“Trotz aller hier genannten Aktivitäten versteht sich das KB nicht als Veranstalter. Deren gibt es viele in Berlin. Der Schwerpunkt des Künstlerhauses liegt in eiem statistisch nicht erfaßbaren Geflecht von ständigem Gedankenaustausch, Begegnungen, gegenseitigen Hilfen, vielleicht auch in einem „Klima“, das sich deutlich von dem in der Kunstszene bekannten Konkurrenz- und Profilierungsdenken unterscheidet. Die Fruchtbarkeit einer solchen „inneren Struktur“ sollte sich in nicht anderem als einem Zuwachs an Leben für diejenigen erweisen, die daran teilnehmen uns diese Struktur selbst mit aufbauen.“
Wenn die dafür Geld kriegen, dann geh ich doch mal fragen, wie sie diese beantragt haben.Nachdem ich die Unterlagen für die Stiftung Kunstfond geholt habe, und die Richtlinien gelesen habe frage ich mich nämlich, ob wir als Projektraum für den Projektraum Gelder beantragen können. Vielleicht wäre eine Möglichkeit für die „Akademie für angewandte Wirklichkeit“ Gelder zu beantragen, oder die Akademie als Projekt mit ungewisser Laufzeit zu erklären, die Themen der Akademie aber zeitlich zu begrenzen, oder zeitlich Forschungsziele zu setzten. Darüber müssen wir nachdenken. Irinas Gedanke zu heutigen Tag, an dem wir alle über unsere Fehler nachdenken, war, daß wir doch alle einander noch viel mehr achten müßten in dem, wie jeder einzelne hier steht. Und Christiane hat heute zum Scheitern gesagt, wenn man im Konzept von einer Möglichkeit des Scheiterns spricht, heiß das eigentlich nur, daß man die Möglichkeit miteinplant, daß das Projekt einen unvorhergesehenen Verlauf nimmt. Das ist dann schon kein Scheitern mehr. Wir scheitern nicht mit der Idee, die sich gerade erst kommunizierbar formuliert,, sie nimmt aber einen unvorhergesehenen Verlauf, wenn ihr plötzlich die Räume fehlen.
Scheitern würden wir, wenn wir unserer Idee nicht treu bleiben.

Es gehört Gelassenheit dazu, das Leben als Real zu nehmen, es wahrzunehmen, es zu realisieren.

Paolo Bianchi Real Life - Kunstforum International - Bd. 143 Jan.-Febr. 1999

Das Leben ist nicht nur etwas Gegebenes, sondern durch die Lebenskunst als Real Life auch etwas (Selbst-)Gemachtes - eine positive Freiheit. Die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit ist wichtig, denn „Freiheit von“ ist nicht dasselbe wie “Freiheit zu“: Also nicht frei sein von äußeren Zwängen (negativ), sondern etwas verwirklichen, ein Leben so und so führen, sich selbst zu etwas Bestimmten bestimmen können - das ist positve Freiheit.

Wichtig ist nicht länger, was mir möglich ist, wie viele Türen mir offenstehen, sondern, im Gegenteil, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was wirklich ist.

Die Ästhetik wird sich, wie jede andere Theorie, wandeln, wenn neue Ansprüche an sie herangetragen werden. Die entstehende neue Ästhetik kann deshalb angesichts des Widerstandes, auf den sie trifft, ganz unbekümmert sein. Die Anforderungen, denen sie sich stellt, entstammennämlich nicht in erster Linie - dem traditionellen Feld der Ästhetik, der Kunst und dem ästhetischen Diskurs. Sie kommen von außen. Es ist die progressive Ästhetisierung der Realität, d.h. des Alltags, der Politik, der Ökonomie, und es ist die durch das Umweltproblem erzwungene Frage nach einem anderen Verhältnis zur Natur, dem sie zu entsprechen versucht. Für beide Aufgaben ist die traditionelle Ästhetik von Kant bis Adorno nicht gerüstet.

Gernot Böhme - Atmosphäre, 1995

Schon zu Studienzeiten malte er gern, erst im Beruf aber merkte er, dass er die eigenen Bilder braucht, „um dem Leben zu antworten“.

DIE ZEIT Nr.39 - 23. September 1999

Seit es den Maler Michael Fischer gab, legte der ohnehin schon hervorstechende Banker Michael Fischer noch an Qualität zu. Bei der Finanzierung des neuen Athener Flughafens ging es um einen Kredit von 700 Millionen Mark. Dieser Deal war Fischers Werk. Das Wort „Werk“ passt. denn Fischer legt Wert darauf, dass seine Art der Arbeit in der Bank der Malerei nicht unähnlich sei. Gestaltung und Methodik kämen aus der gleichen Quelle, und die Erlebnisse befruchteten sich gegenseitig.

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